Über die (Un-)Möglichkeiten
des Sprechens über
sexualisierte Gewalt
:"zärtlich&zornig" -
der Podcast

Über die (Un-)Möglichkeiten des Sprechens über sexualisierte Gewalt
:"zärtlich&zornig" -
der Podcast

Über die (Un-)Möglichkeiten des Sprechens über sexualisierte Gewalt
:"zärtlich&zornig" -
der Podcast

Veröffentlicht in „Betrifft Mädchen*“ Fachzeitschrift für Mädchen*Arbeit

Seit März 2021 veröffentlichen wir den Podcast „zärtlich&zornig”. Aus Betroffenenperspektiven von sexualisierter Gewalt/Vergewaltigung wollen wir innerhalb unserer einstündigen Folgen mit gesellschaftlichen Normen und Tabus brechen. Im Zentrum unseres Podcasts – und auch in dem folgenden Text – steht dabei die strukturelle Dimension

von Vergewaltigung und das Erleben einer weiteren gesellschaftlichen Gewalt, die starre Betroffenheitsbilder zeichnet, individualisiert und unsichtbar macht. Dagegen senden wir an – in bisher 5 Folgen, zu finden auf spotify, Mixcloud und online im Sphere Radio (1).

//Wir sind zärtlich. Wir sind zärtlich miteinander, wir hören uns zu, wir wollen ehrlich sein, uns gegenseitig bestärken. Wir sind zärtlich zueinander, weil wir einander verstehen, weil wir voneinander wissen, um unsere Aushandlungen, um unsere Kämpfe, um diese Scheiß-Mauer, die wir immer wieder einzurennen versuchen. Wir wollen zärtlich sein zu unseren Zuhörenden, wollen einen Raum schaffen, der nicht beschönigt, aber auch die schönen, die starken die empowernden, die liebevollen Momente in und mit uns, zwischen uns hörbar macht. Wir wollen zärtlich sein, entgegen der Härte dieser Zeit, der Vereinzelung und Vereinsamung.

Wir sind zornig. weil so verdammt viel so verdammt falsch läuft! Wir sind zornig auf eine Gesellschaft, die patriarchale Gewalt ermöglicht, tagtäglich hervorbringt und mit ihrer Gleichgültigkeit, ihren falschen Schuldzuweisungen, ihrer Kälte und Instrumentalisierung ein System erhält, in dem Vergewaltigung/sexualisierte Gewalt eine verschwiegene Normalität darstellt. Wir sind zornig auf die kollektive Realitätsverweigerung. Unserem Zorn, unserer Wut, unserer Verzweiflung, unserer Trauer wollen wir Ausdruck verleihen.//

(1) Sphere Radio ist eine nichtkommerzielle, interdisziplinäre und freie Radio-Plattform aus Leipzig. Mehr unter https://sphere-radio.net

(2) Die kursiven Textstellen sind Zitate aus unserem Podcast.

„Willkommen bei „zärtlich&zornig”, der Podcast, der uns empowert, der uns wütend, emphatisch, stolz, traurig, stark
und mutig macht – und euch hoffentlich auch.” (2)

 

#TAKE 1

Bilder radikal verändern

# TAKE 2

Entgegen der Vereinzelung

# TAKE 3

Die verschwiegene Norm

# TAKE 4

Alle zusammen gegen das Patriarchat – eine Kurzgeschichte?!

# TAKE 5

Format Podcast als Möglichkeitsraum

# TAKE 6

Was sich ändern muss und was es stattdessen braucht!

# TAKE 7

Die Thematik an sich ist nicht so neu wie unser Podcast

ON AIR

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#TAKE 1: Bilder radikal verändern

 

„Zärtlich&zornig” ist ein Podcast aus Betroffenenperspektiven. Wir sind Betroffene von sexualisierter Gewalt und/oder von Vergewaltigung. Unsere Erfahrungen und Umgänge, unser Erleben, Überleben, unsere Strategien und welche Rolle das Erlebte in unseren Biografien einnimmt, welche Auswirkungen die Betroffenheit auf unseren Alltag hat, sind sehr verschieden. All das ist nicht unabhängig von intersektionalen -also sich überlagernden, ineinander wirkenden und sich wechselseitig beeinflussenden - Macht- und Unterdrückungsverhältnissen zu begreifen. Denn wer als „Opfer” von sexualisierter Gewalt im öffentlichen Diskurs überhaupt sichtbar ist, hat viel mit rassistischen, heterosexistischen und ableistischen Strukturen, gängigen Schönheitsidealen und einem Klassendenken zu tun. Es ist abhängig davon, ob eine Person Kind oder erwachsen ist – und auch, ob die Person als „Frau” durchgeht: Eine weiße cis-Frau aus der Mittelklasse zum Beispiel hat historisch und auch gegenwärtig eine sichtbarere Position als Trans-/Inter-Personen, Personen die behindert werden, nicht-binäre Menschen, Menschen of Colour, Sexarbeiter*innen, Menschen mit Fluchterfahrung und/oder ohne Papiere. Zudem wird sexualisierte Gewalt gegenüber bzw. Vergewaltigung von cis-Männern und Jungs gesellschaftlich meist ausgeblendet.

 

Wir bewegen uns demnach in einer Gesellschaft, die eine sehr klare Vorstellung davon hat, was Vergewaltigung bedeutet und wer als ‘vergewaltigbar’ gilt. Diese Bilder gestalten und verwehren Möglichkeitsräume des Sprechens, der Anerkennung und der Glaubwürdigkeit. Aber Betroffenheiten und die Umgänge damit sind vielfältig und nicht so eindimensional wie eine gesellschaftliche Norm es vorgibt. Eine Betrachtung von sexualisierter Gewalt darf sich daher nicht nur mit heterosexuellen Konstellationen zwischen erwachsenen cis Personen beschäftigen, in der cis Männer als einzig mögliche Täterfiguren identifiziert werden. Eine solche Erzählung reproduziert Normen, Rollenbilder und Unsichtbarkeiten und ermöglicht damit sexualisierte Gewalt. Vergewaltigung ist nicht einfach ein individuelles Ereignis: Vergewaltigung ist die stetige Aufrechterhaltung von patriarchalen Kontrollmechanismen. Diese reichen von der Angst vor der permanenten Möglichkeit eines sexuellen Übergriffs bis hin zu Massenvergewaltigungen als Kriegswaffe.

 

Im Zentrum unseres Podcasts steht daher nicht die Vergewaltigung oder das Er-/Überleben von sexualisierter Gewalt an sich, sondern das anschließende Erleben einer gesellschaftlichen Gewalt, die verdrängt, Betroffene unsichtbar macht, sie vereinzelt, ihnen Schuld zuweist, die Verantwortung individualisiert, verurteilt und eindimensionale Opferbilder zeichnet.

 

„Wir wollen Tabus brechen, eigene Bilder schaffen, verschiedene Betroffenheiten sichtbar machen und Erzählungen radikal verändern - und natürlich das Patriarchat abschaffen.”

 

# TAKE 2: Entgegen der Vereinzelung

Was wir überwinden wollen:

 

„Ich war alleine. Eine Einsamkeit, die ich nicht selbst entschieden habe. Eine Einsamkeit, die um mich herum eine durchsichtige Wand aufgebaut hat. Ich habe alles gesehen und alle haben mich gesehen, aber alles war ein bisschen dumpf. Abgeschottet und zugleich exponiert durch eine durchsichtige Wand, abgespalten und auf mich selbst zurückgeworfen...”

 

„Ich wusste viele, viele Jahres meines Lebens, dass ich ein Geheimnis habe, dass nur ich weiß. Ich und mein Großvater, denn ich wusste immer, dass es etwas mit ihm zu tun hat. Wie über etwas sprechen, für das ich nie Worte beigebracht bekommen habe? Wie über etwas sprechen, was dann am Ende doch keine:r hören will? ‘Brecht das Schweigen’ – ja und dann? Wer ist da? Jede Menge Überforderung, Mythen, Stigmatisierungen...”

 

„Ich habe mich jahrelang nicht bereit gefühlt, auch nur an die Vergewaltigung zu denken. Habe Gefühle und Gedanken weggedrückt, mich bei Panikattacken auf Toiletten versteckt, Supportarbeit für andere Betroffene geleistet aber niemals zugelassen, dass das etwas mit mir selbst zu tun haben könnte, dass ich mir insgeheim wünsche dass die Sätze, die ich anderen mitgebe, auch mal jemand zu mir sagt. Ich fühlte mich nicht stark genug, nicht emanzipiert genug, nicht reflektiert genug. Ich habe mich geschämt, hatte Angst, dass sich meine Beziehungen verändern, dass Menschen mich anders sehen, dass sie nur noch das sehen, dass sie mir Dinge ab- und zusprechen und ich keine Kontrolle darüber habe, dass ich für immer das Opfer bin.

 

Niemals wäre ich alleine aus dieser Spirale rausgekommen. Wenn mich eine enge Freundin nicht direkt angesprochen hätte, mir von der eigenen Betroffenheit erzählt hätte in einem Moment, in dem ich nicht darauf vorbereitet war und ich dann einfach in ihren Armen zusammenbrechen konnte, ich wäre immer noch genau da wo ich mich 10 Jahre fast schon gemütlich eingerichtet hatte- in Verdrängung, Einsamkeit, Scham, in dem Bewusstsein, es wäre mein privates Problem und der richtige (Nicht-) Umgang damit meine alleinige Verantwortung.

Aber dieser Abend hat alles verändert. Es war nicht alles auf einmal super, bei Weitem nicht. Auf einmal lag der ganze Schmerz obenauf und hat mir Energie genommen, hat mich nicht schlafen lassen, hat mich geschwächt, hat mich verunsichert und wütend gemacht. Aber ich habe begriffen, dass ich nicht alleine bin. Mit jedem Gespräch begreife ich, dass die Schuld und die Scham nicht bei mir liegen bleiben müssen, verstehe, wieviel von meinem Schmerz aus gewaltvollen Strukturen kommt und habe Menschen um mich herum, die mich auffangen, wenn er zu groß wird.

 

Und die Hoffnung, dass unser Sprechen, unser Verstehen, unser Zweifeln anderen Betroffenen ermöglicht, neue Fragen und Antworten zu finden, sich weniger alleine, weniger isoliert zu fühlen, lässt mich immer wieder den Mut finden, eine neue Folge aufzunehmen.”

 

# TAKE 3: Die verschwiegene Norm

 

„Vergewaltigung!” – WHOOSH! Schweigen oder großer Aufschrei. Schockstarre oder massive Gegenwehr. Allein die Nennung des Wortes verfehlt selten seine Wirkung.

 

Doch ganz ehrlich – face it – sexualisierte Gewalt ist eine allgegenwärtige Normalität. Kein Einzelfall, keine Ausnahme. Und wenn wir beginnen diese auch als solche zu verhandeln, anstatt das Thema und die Betroffenen mit Tabus und Stigmatisierungen zu belegen, gibt es vielleicht die Möglichkeit die bestehenden Verhältnisse zu verändern.

 

Stattdessen wird sich meist kollektiv geweigert der Realität ins Auge zu blicken. Vergewaltigung wird als wiederkehrender Einzelfall verhandelt und betroffene Personen als unmündige Opfer stilisiert und in die Unsichtbarkeit gedrängt. – „Gute Opfer schweigen” (3) ist das Credo, welches Solidarität und politische Organisierung nahezu unmöglich macht. Vergewaltigung wird häufig erst in dem Moment als strukturelles Problem verhandelt, wenn es sich als Thema für rassistische Zwecke, antifeministische Diskurse und rechte Mobilisierung instrumentalisieren lässt.

 

Unsere Analyse: Der politischen Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt/Vergewaltigung mangelt es an der Berücksichtigung der Komplexität des Themas und an intersektionalen Ansätzen. Denn ja, es ist verdammt komplex! Es braucht daher eine politische Analyse, welche die strukturelle Dimension patriarchaler Gewalt entlarvt und zwar nicht nur der Taten selbst, sondern auch jenen Strukturen und Machtmechanismen, die im gesellschaftlichen Sprechen über Vergewaltigung und Betroffene angewendet werden. Wir wollen die Art und Weise, wie über sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung öffentlich und privat gesprochen wird verändern. Denn, quiet friendly, die Schockstarre nervt und hilft wirklich niemandem!

(3) Despentes, Virginia (2018): King Kong Theorie. Köln: KiWi Verlag

 

# TAKE 4: Alle zusammen gegen das Patriarchat – eine Kurzgeschichte?!

oder: Was wäre gewesen, wenn…

 

„Ich denke an meine Schulzeit zurück: Auf dem Land, Kleinstadt, rund 17.000 Einwohner:innen. Es ist eine Erinnerung, die mir die Schmerzlichkeit, die das Thema sexualisierte Gewalt mit sich bringt umso deutlicher bewusst macht. Und auch umso mehr, wie falsch ein Umgang damit sein kann – wir lernen früh – können wir ver-lernen?

Jede Thematisierung von sexualisierter Gewalt in meiner Jugend ist der Mentos in einer Cola, nichtsahnend hineingeworfen, und dann die Explosion: Du kannst nicht rechtzeitig aus dem Weg gehen, dir fliegt die gesamte Cola um die Ohren, klebst von oben bis unten, eine zähe Schicht Zucker und Koffein haftet an dir, nicht so leicht abzuwaschen, alle starren dich an, lachen dich aus und zu Hause gibt’s noch auf den Deckel, dass die Kleidung dreckig geworden ist.

 

Ein Beispiel: An meiner Schule wurden in mehreren Fällen intime Fotos gegen den Willen der darauf abgebildeten Personen weiterverbreitet. Was darauf folgte ist für mich äußerst beispielhaft, wie wir in unserer Gesellschaft sexualisierte Gewalt verhandeln. In ausnahmslos allen Fällen wurden die Betroffenen beschuldigt, dass “diese die Fotos ja selbst von sich erstellt hätten” und niemand beschuldigte die Täter:innen, also die, die die Bilder weiter verbreiteten. Es wurde nicht darüber geredet, dass es komplett egal ist ob die betroffene Person das Foto selbst an den/ die Täter:in geschickt hat- das ist nämlich nicht der Punkt! Der Punkt ist, dass der/ die Täter:in missbräuchlich damit umging! (Genauso wie es, entgegen vieler Zeitungstitel, nicht der Punkt ist, dass man nachts alleine durch den Park läuft, sondern es ist der Punkt, dass ein:e Täter:in sich dazu entschließt zu vergewaltigen.)

 

Man sprach nicht mit den Betroffenen, stattdessen sprach man über sie – Der Elefant stand im Raum und gleich mitgebracht hat er das Tabu, das über dem Thema Sexualität schwebt.

 

Die Folgen für betroffene Personen waren verheerend: Sie wurden bloßgestellt, sie trauten sich zum Teil nicht mehr zur Schule, Freund:innenschaften wurden gekündigt. In der ländlichen Ödnis beteiligte sich teils auch die Elterngeneration: Andere Eltern verurteilten betroffene Jugendliche, betrieben Victimblaming und zerrissen die ganze Geschichte beim nachbar:innenschaftlichen Kaffeeklatsch. Da saßen die Betroffenen von oben bis unten voller Cola und man sagte ihnen, dass sie das Mentos selbst hineingeworfen hätten.

 

Für mich fing an dieser Stelle an wie ich gelernt habe mit sexualisierter Gewalt umzugehen, wie sicher ich mich fühlte, inwiefern ich als Jugendliche beigebracht bekommen habe, dass ich darüber sprechen kann was mir ein:e andere:r antut, dass ich nicht schuld bin, dass ich mich schäme müsse.: Nämlich gar nicht!

 

Für mich unterscheidet sich „Frauen, denen nachts der Weg durch den Park zum Verhängnis wird" recht wenig von "Jugendliche verlieren Kontrolle über Smartphone": Es ist die Art wie ich damals gelernt habe, dass Betroffene allein sind, dass man ihnen nicht glaubt. Die Art, die sich für viele weitere Jahre in meinem Kopf manifestieren sollte und die auch dazu führte, dass ich nach einer Vergewaltigung lieber gar nicht sprach und mir selbst die Schuld für das Erlebte gab. Mich schämte und mir dachte irgendwas wirst du schon falsch gemacht haben. Mich lieber duckte, denn über Sexualität spricht man nicht! War es mein Verhalten? Hatte ich nicht oft genug Nein gesagt?

 

Was wäre denn, wenn diese Erlebnisse anders gelaufen wären, wenn wir schon früh gelernt hätten über das zu sprechen, was Scham und Schuld in uns auslösen? Wenn Lehrer:innen Betroffene hätten definieren lassen was ihnen widerfahren ist und wie weiter damit umgegangen wird? Wenn wir gelernt hätten frei und selbstbestimmt zu sprechen, ohne, dass man uns die Schuld gibt und ohne dass wir gezwungen sind Details über unsere gewaltvolle Erfahrung preiszugeben? Was wäre, wenn die Schuld der Täter:innen thematisiert worden wäre? Wenn Schulunterricht und sexuelle Aufklärung Konsensabfragen gelehrt hätten und alle Geschlechtsidentitäten und sexuellen Orientierungen darin Platz gehabt hätten? Was wäre, wenn wir frühkindliche Sexualität und die Erkundung des eigenen Körpers als selbstverständlich und "normal" vermittelt bekommen hätten? Wenn wir gelernt hätten, dass wir eine Vulva/ einen Penis haben und, dass bestimmte Berührungen schöne Gefühle machen können, wenn wir sie selber machen, dass aber andere unsere Vulva/ unseren Penis nicht anzufassen haben? Was wäre, wenn wir gelernt hätten uns nicht vor der Dunkelheit und Fremdtätern zu fürchten, während Missbrauch und sexualisierte Gewalt in der eigenen Familie und im Nahumfeld stattfindet? Wenn es viel mehr gut ausgebildete Erzieher:innen, Lehrer:innen und Ansprechpartner:innen gegeben hätte, die Anzeichen hätten deuten können und uns unterstützt hätten? Was wäre, wenn wir gelernt hätten, dass Erwachsene nicht immer Recht haben und alles richtig machen? Wenn wir gelernt hätten unsere eigenen Bedürfnisse und Grenzen als wichtig zu erachten und dass, kein:e andere:r sie zu überschreiten hat? Was wäre, wenn wir gelernt hätten romantische Liebesbeziehungen zu reflektieren – und nicht sie zu idealisieren? Wenn wir Sex nicht in Mainstream-Pornos, der Bravo oder Hollywoodblockbustern gelernt hätten, sondern dass er vielfältig, divers und vor Allem nach unserer Vorstellungen und Bedürfnissen stattfindet, die wir vorher mit unseren Sexpartner:innen thematisieren?

 

Und, dass diese Thematisierung und Konsens sexy sind!

 

Was wäre, wenn wir gelernt hätten, dass diejenigen die unsere Grenzen überschreiten sich schämen müssen und nicht wir? Wenn wir gelernt hätten, dass wir niemals auch nur annähernd an etwas schuld sein können, dass wir nicht beabsichtigt waren herbeizuführen?”

 
 

# TAKE 5: Format Podcast als Möglichkeitsraum

 

Ein Podcast als Gesprächsraum. Wir wünschen uns, dass andere Betroffene das Gefühl haben an unseren Gesprächen teilhaben zu können. Es soll ein intimer und persönlicher Raum geschaffen werden, der die Möglichkeit für die Zuhörenden gestaltet, auch ohne ein direktes Gespräch an die Themen anknüpfen zu können und unaussprechbares besprechbar werden zu lassen.

 

Ein Podcast als mehrdimensionaler Raum. Wir möchten, dass sowohl unsere individuellen Prozesse, Fragen und Entwicklungen Teil der Erzählung sein können, als auch die strukturellen Dimensionen von Vergewaltigung. Gleichzeitig können viele verschiedenen Stimmen und Betroffenheiten Gehör finden und damit die Absurdität einer eindimensionalen Betrachtung von sexualisierter Gewalt entlarvt werden.

 

Ein Podcast als Empowerment Raum. Wir möchten auch sichtbar machen, wie wichtig und bestärkend es für uns war und ist, aus der Vereinzelung in eine kollektive Auseinandersetzung zu kommen.

 

Ein Podcast als Lernraum. Wir wollen aber auch Menschen ansprechen, die gerne besser supporten wollen aber erstmal denken, dass das Thema mit Ihnen ja gar nichts zu tun hat. Denn wir sind überzeugt, dass die Überwindung von sexualisierter Gewalt uns alle angeht!

 

Ein Podcast als Möglichkeitsraum für veränderte Erzählungen entgegen der Norm, für eine radikale Intervention in die patriarchalen Zustände, für Solidaritäten, für das Zuhören als politische Praxis, für Zärtlichkeit und Zorn.

# TAKE 6: Was sich ändern muss und was es stattdessen braucht!

Was sich dringend ändern muss:

 

  • Sexualisierte Gewalt wird leider immer noch viel zu oft individualisiert und unpolitisch gedacht und verhandelt.

  • Die Verantwortung wird auf den Einzelfall verschoben und die strukturellen Mechanismen werden nicht betrachtet.

  • Gesamtgesellschaftlich werden immer noch nur (wenn überhaupt) cis-weiblichen, weißen, gängigen Schönheitsidealen entsprechenden, abled-bodied Menschen geglaubt und Täter:innen sind immer noch viel zu oft „die Anderen“.

  • Schluss mit der kollektiven Realitätsverweigerung! “Was ich nicht sehe[n will], existiert auch nicht”

 

Was es stattdessen braucht:

 

  • gemeinsame Verantwortungsübernahme füreinander und solidarische Unterstützung betroffener Personen.

  • mehr Sichtbarkeit unterschiedlicher Betroffenheiten.

  • einen Ausbau von diskriminierungssensiblen und niedrigschwelligen Schutzunterkünften und Beratungsstellen.

  • Informationen in vielen Sprachen und mehr Übersetzungsmöglichkeiten / Sprachmittler*innen in Beratungsangeboten.

  • die Anerkennung, dass sexualisierte Gewalt ein gesellschaftliches und strukturelles Problem ist, dass sich alle Menschen mit ihrem eigenen Gewaltpotenzial und dem ihres Umfeldes auseinandersetzen und ihre Anteile an patriarchaler Gewalt reflektieren.

  • das Thema sexualisierte Gewalt auf dem Lehrplan: in Schulen, im Studium, in pädagogischen und sozialen Ausbildungsstätten und das mit dauerhafter Weiterbildung des Fachpersonals.

  • eine Auseinandersetzung mit Sprache und dem Sprechen über sexualisierte Gewalt, über betroffene und über gewaltausübende Menschen – ohne erneute Gewalt durch Vergewaltigungsmythen und gesellschaftlichen Diskriminierungsformen wie Klassismus, Ableismus und Rassismus zu wiederholen

 

„Wir fordern alle Menschen auf sich mit ihren Privilegien und verinnerlichten Vorurteilen auseinanderzusetzen. Wir fordern strukturelle, politische und soziale Veränderungen und damit einen Kampf gegen die patriarchale Gesellschaft, die sexualisierte Gewalt überhaupt erst möglich macht.”

# TAKE 7: Die Thematik an sich ist

nicht so neu wie unser Podcast

 

Wir empfehlen zum weiteren Informieren:

 

Bewegung: #Me too („ich auch”) - Tarana Burke

Bewegung: #Ni una Menos („Nicht eine weniger!”)

 

Buch: Lilian Schwerdtner (2021): Sprechen und Schweigen über sexualisierte Gewalt

Buch: Mithu Sanyal (2016): Vergewaltigung: Aspekte eines Verbrechens

 

Podcast: „Not you Opfer”

 

Broschüre: „Betrifft: Professionalität” - Selbsthilfe-Wildwasser-Berlin

Blog: Ansichtssache